Alfred Andersch – Der Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte.


Eine Geschichte aus der Schule – und häufig wird sie heute in der Schule gelesen.
Es ist der Bericht einer Schulstunde vor dem zweiten Weltkrieg in einem deutschen Gymnasium. Der Direktor (Rex) inspiziert ’seine’ Untertertia B in der Griechischstunde.

Mir hat diese Erzählung nicht so sehr gefallen – abgesehen von der Tatsache, dass sie sich gut und vor allem schnell liest. Wer sie also lesen “muss”, weils der Deutschunterricht erfordert, der hat es auch schnell hinter sich.
Bei mir stand kein Zwang dahinter, zum Glück. Aber ich kann mir vorstellen, wie man aufgefordert wird, den Rex oder den Franz Kien als Schüler und Erzähler des Stückes zu charakterisieren und das ganze natürlich vor dem Hintergrund, dass der gute Direktor Himmler der Vater von Heinrich Himmler war….
Vom Hocker hat es mich aber doch nicht gerissen und ich kann nicht mal sagen, warum… mich haben die Wiederholungen gestört, aber das allein ist ja kein ausreichender Grund. Spannung – nunja, es war nicht fesselnd, aber auch nicht total fad. Irgendwas undefinierbares dazwischen. Aber ich war auch nicht übermäßig motiviert, lange über die Geschichte und ihre Personen nachzudenken. Ich fand auch niemanden sympathisch (wenn, wäre dazu ja höchstens der Schüler Franz Kien oder allenfalls noch der Klassenlehrer in Frage gekommen), was es einem schwer macht, die Distanz zu den Akteuren zu vermindern und Empathie zu empfinden.

Was ich persönlich vor allem sehr schade finde: ich kann kein Griechisch und bin daher nur bedingt im Stande, dem Unterricht bzw. der Prüfung der Zöglinge zu folgen. Wäre es eine Lateinstunde gewesen, wäre ich zumindest fachlich nicht ganz so außen vor gewesen. Und ich denke, dieses Problem haben heutzutage viele Leser – wer besucht schon noch ein richtiges humanistisches Gymnasium mit Griechischunterricht? Wieviele gibt es davon überhaupt noch?

Sicher, das Buch eignet sich, im Schulunterricht seziert zu werden – und man kann sicher eine Menge dazu sagen, stößt auch im Nachwort des Autors auf Erklärungen zum Verständnis. Aber als unterhaltsame Lektüre bietet es sich nicht unbedingt an – und zum Verständnis der Zeit gibt es meiner Meinung nach bessere bzw. unterhaltsamere Lektüre.


Art: Broschiert
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 3257236085

Bharti Kirchner – Die Gärten von Darjeeling


Die Gärten von Darjeeling erzählt die Geschichte von den beiden Schwestern Sujata und Aloka, die sich in jungen Jahren in denselben Mann verliebten: den von der Familie geschätzen Pranab, Angestellter auf der heimischen Teeplantage. Pranab ist zwar mit Aloka verlobt, beginnt aber dann ein Verhältnis mit der jüngeren Sujata und wiegelt außerdem noch die Arbeiter auf. Aloka heiratet ihn trotzdem und während die Schwester nach Kanada geschickt wird, wandert sie mit Pranab nach Amerika aus. Dort muss sie erfahren, dass der Traum von Amerika lange nicht so einfach zu verwirklichen ist, wie sie glaubte. Das Verhältnis zu ihrer Schwester ist gestört, der Kontakt zum Rest der Familie angespannt und ihr Ehemann erweist sich auch nicht gerade als die große romantische Liebe ihres Lebens.
Zum großen Geburtstag ihrer Großmutter reisen dann alle wieder nach Darjeeling und dort zeigt sich dann, was aus der Dreiecksgeschichte, die damals die Familie auseinandergerissen hat, geworden ist.

Wenn man hier eine romantisch-kitschige Geschichte erwartet, so wird man enttäuscht. Dies ist kein Bollywood-Roman, sondern geschildert werden in ruhigem Tempo und ohne große Leidenschaft die gesellschaftlichen Probleme auf der Plantage, später im Exil, und auf welche Weise die beiden Schwestern mit ihrem Schicksal umgehen.
Leider sind die Figuren alle nicht besonders warmherzig dargestellt – Pranab, der Mann in den sich ja nun beide Schwestern verlieben, ist kein strahlender Held, sondern anfangs einer jugendlicher Rebell, später dann ein vom Leben enttäuschter und gebrochener Mann, der alle seine Träume aufgeben musste. Sujata und Aloka scheinen eher zickig und naiv zu sein – viel naiver, als man es in ihrem Alter (sie sind schließlich keine Teenager mehr sondern bereits jenseits der 20 als sie sich in Pranab verlieben) sein sollte.
Ganz gekonnt schildert die Autorin das Leben im Exil, den Wunsch sich einzugliedern, die Fremdheit und die Frustration, wenn es nicht so gelingt, wie man es sich vorgestellt hat. Vermutlich scheinen hier biographische Erfahrungen durch.

Für mich war der Roman zwar interessant, insgesamt aber zu ruhig und zu langweilig, weil mich das Schicksal der Beteiligten aufgrund der Distanz und Antipathie recht unberührt gelassen hat.

Taschenbuch: 373 Seiten
Verlag:
Blanvalet; Auflage: 1 (2003)
ISBN-10:
3442358981

Barbara Wood – Bitteres Geheimnis



Kann ein junges Mädchen schwanger sein, ohne Verkehr gehabt zu haben? Oder steht dahinter doch eine große Lüge? Das Buch beginnt ein wenig bizarr mit einem unanständigen Traum, welcher die streng katholisch erzogene Mary Ann auch sehr verstört. Doch die Ereignisse, die dann folgen, sind noch viel verstörender. Bei ihr wird eine Schwangerschaft festgestellt – und dabei weiß sie selbst doch ganz genau, dass sie ihren Freund Mike nicht “rangelassen” hat, obwohl der das gern gehabt hätte…

Die Autorin zeichnet nun ein Bild von den verschiedenen Reaktionen: die Verwirrung, des jungen Mädchens, die Ungläubigkeit der Eltern, die Enttäuschung des Freundes, der sicher ist, dass er betrogen wurde…. die Standpunkte von Pater Crispin und des Arztes Jonas Wade, die beide mehr und mehr in einen Konflikt geraten.
Es ist eine interessante Geschichte, deren Geheimnis schließlich vom Arzt gelüftet wird. Dass das Buch danach recht bald zum Ende kommt, ist einerseits schade, weil viele Fragen offen bleiben, andererseits ein Kunstgriff, weil es den Leser dazu bringt, sich selbst auszumalen, wie es weiter geht.

Mein Kritik zielt allerdings auf zwei Punkte: erstens muss man sich auf die Geschichte tatsächlich einlassen, auch wenn sie realistisch beschrieben ist, so ist die Sache an sich für mich jedoch ein wenig weit hergeholt und realitätsfern; zweitens gefällt mir der Schauplatz nicht so sehr. Die Autorin wählt das Amerika der 60er Jahre, prüde und streng katholisch, jedoch vergibt sie hier die Chance, auch die Reaktionen der Gesellschaft und nicht nur der engsten Vertrauten zu schildern. Es bleibt offen, was die Nachbarn sagen, wie man sich im Gottestdienst das Maul zerreißt und was die Mitschüler und Lehrer zu der Schwangerschaft sagen….. geschildert werden lediglich die Reaktionen direkt involvierter Personen und die verhalten sich fast genauso, wie man es heute auch erwarten würde. Klar, sind Eltern nicht begeistert, wenn die 17jährige Tochter ohne Schulabschluss schwanger ist, natürlich glauben sie ihr die Jungfräulichkeit nicht – und natürlich vermutet der Freund einen Rivalen…. das alles hätte heute genausogut stattfinden können. Der Bezug auf die 60er Jahre findet sich eigentlich nur im Stand der Medizin, der Art der Aufklärung von Jugendlichen (junge Mädchen beim Gynäkologen, evtl. auch die strenggläubige Einstellung bei Teenagern, aber das gibt es heute ja noch immer).
Hier wird meiner jedenfalls Potenzial verschenkt, denn die gesellschaftliche Problematik wird nur ansatzweise erwähnt.

Taschenbuch: 232 Seiten
Verlag:
Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 14., Aufl. (1. April 1993)
ISBN-10:
3596106230

Georgette Heyer – Skandal im Ballsaal


Georgette Heyers Liebesgeschichten aus der Regency-Zeit waren damals recht berühmt – heute sind sie ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, wie ich finde, auch wenn es eigentlich ganz triviale Geschichten sind. Ihre Essenzen sind häufig ein bißchen Stolz und Vorurteil, das ganze in der oberen Gesellschaftsschicht Englands kombiniert mit herzerfrischenden Dialogen.

Die Heldinnen sind meist, wie auch hier, impulsive, leidenschaftliche junge Damen, die Schwierigkeiten haben, sich stets “angemessen” zu betragen – als Gegenspieler finden sich Adlige wie hier Herzog Sylvester von Salford, deren Benehmen zunächst verkannt wird. So hat hier die junge Phoebe einen Roman geschrieben, in dem sie bekannte Personen der Gesellschaft karikiert, allen voran eben jenen Herzog von Salford, dem sie Arroganz vorwirft und zum Schurken stempelt. Als sie ihn dann tatsächlich kennenlernt, bemerkt sie, dass ihr Roman ein schwerer Fehler war….

Hier bietet sich dem Leser auf der Flucht vor der Realität in eine romantische Traumwelt alles, was dazu gehört: erzwungene Heirat, Flucht, Freundschaft und Liebe, Wortduelle und Missverständnisse. So einfach gestrickt die Geschichte auch sein mag, so überzeugend und sympathisch sind doch die Figuren gezeichnet und so lebensecht wirken auch ihre Dialoge. Es lohnt sich tatsächlich, in diese Welt einmal einzutauchen, den Alltag hinter sich zu lassen und mitzufiebern, wie sich diese Geschichte entwickelt und entwirrt – auch wenn das Ende wie so oft natürlich vorgezeichnet ist, der Weg dahin ist der Genuss.

Broschiert
Verlag:
Rowohlt TB-V., Rnb.; Auflage: N.-A. (September 1990)
ISBN-10:
3499120313

Hans Nicklisch – Vater unser bestes Stück


Die in den 50er Jahren erschienene Liebeserklärung an den Vater, die sogar erfolgreich verfilmt wurde, ist heute zwar noch immer nett zu lesen und bietet Unterhaltung, ist aber doch sehr in die Jahre gekommen. Das merkt man einerseits am Vokabular (welcher heutige Jugendliche kennt schon den Ausdruck “Velociped”?), andererseits aber auch an den Inhalten: dem Leser präsentiert sich hier die heile, gutbürgerliche Familienwelt von damals mit entsprechenden Freizeitbeschäftigungen und Ansichten.

Wer das Leben von damals noch gut in Erinnerung hat oder aus Erzählungen kennt, erfreut sich daran, aber immer mehr nachfolgenden Generationen wird es unbekannt und fremd sein.
Und die geschilderten amüsanten Anekdoten aus dem Familienleben werden beim Leser allenfalls ein Schmunzeln hervorrufen, aber keine Begeisterung, kein lautes Lachen und Spannung findet man wohl auch eher weniger.

Trotzdem ist es eine Welt, die meiner Generation noch gut bekannt es – ein Leben ohne Handys und Computer, wo die ersten harmlosen amourösen Erlebnisse noch in ein Alter der Fast-Volljährigkeit fielen, wo die Eltern sich noch intensiv um die Erziehung ihrer Sprösslinge und deren gutes Benehmen kümmerten (und auch noch Einfluss darauf hatten), Betätigungen wie gemeinsame Spaziergänge, Tischtennisspiel oder Badeausflüge gab es auch noch mit dem Nachwuchs, der heute im beschriebenen Alter dazu viel zu “cool” ist…

Eine vergangene Zeit und eigentlich müsste man so ein Zeugnis von damals aufheben – dass ich mich trotzdem zum Aussortieren entschloss und auch den zweiten Teil “Ohne Mutter geht es nicht” nicht gelesen habe, liegt einfach daran, dass ich vermutlich keine Zeit haben werde, jemals wieder zu diesem Buch zu greifen…. zu altbacken und für nostalgische Erinnerungen tut es auch ein 50er/60er-Jahre-Film. ;-)

Gebundene Ausgabe: 378 Seiten
Verlag:
Deutscher Bücherbund (1957)