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Diese Buch war für mich eine große Enttäuschung. Das einzig Positive: es regt zum Nachdenken an!
Ich habe zum Beispiel ziemlich lange darüber nachgedacht, warum es mir nicht gefällt und welche Erwartungen ich wohl hatte – jedenfalls keine bewussten. Ich hatte nur am Rande mitgekriegt, dass um dieses Buch ein großer Hype gemacht wurde und die Verfilmung wohl auch werbetechnisches Aufsehen erregt hat.
Desweiteren habe ich darüber nachgedacht, was mir gefallen hat und was nicht. Bei ersterem ist mir allerdings nicht sehr viel eingefallen. Sicher, es liest sich zügig und ich habe zumindest nicht darüber nachgedacht, es wegzulegen – denn man wollte dann doch wissen, wie die ungleiche “Beziehung” zwischen Michael und Hanna ausgegangen ist. Außerdem positiv sind die Denkanstöße zur “Schuldfrage” und die Erörterung darüber, was Recht ist.
Meine Überlegungen zu dem, was mir nicht gefallen hat, waren deutlich umfangreicher. Das beginnt schon bei den Figuren. Keine der beiden Hauptpersonen war mir sympathisch, was vor allem dadurch verstärkt wurde, dass sie Figuren in einer mir nicht sehr nachfühlbaren Weise handelten.
Der erste Satz des Klappentextes lautet:
“Sie ist reizbar, rätselhaft und viel älter als er… und sie wird seine erste Leidenschaft.”
Reizbar ja, aber das macht sie noch lange nicht rätselhaft – stattdessen wirkt sie kalt, herzlos und brutal. Dies zusammen mit der Tatsache, dass sie eben so deutlich älter ist als er, macht es schwer nachvollziehbar, dass der 15jährige Michael sich in sie verliebt. Das kommt mir zumindest dann doch irgendwie krankhaft vor. Ödipuskomplex? Masochistische Veranlagung? Immerhin schlägt die gute Frau ihn mit einem ledernen Gürtel ins Gesicht! Ihre ganze Beziehung besteht eigentlich nur aus Sex – von Liebe merkt man da nicht viel.
Aber auch wenn man sich darauf einläßt, dass Michael eine Art Obsession hat und Hanna leidenschaftlich begehrt – wieso antwortet er dann später nie richtig auf ihre Briefe? Warum schafft er es nicht, nach dem Prozess das Wort an sie zu richten, wenn er sie doch gar so sehr geliebt haben will?
Ein weiterer Kritikpunkt ist für mich, dass immer mal wieder Figuren in die Handlung eingeführt werden (z.B. Sophie, aber auch andere namentlich genannte Schulfreunde, später Gertrud), die dann aber keine (oder nur eine sehr kleine) Rolle spielen und einfach fallengelassen werden.
Außerdem habe ich mich gefragt, welche Rolle der Analphabetismus von Hanna spielen soll. Eine Art Entschuldigung für ihr Handeln? Und warum unterstützt Michael die falsche Scham Hannas? Das scheint mir in diesem Zusammenhang ganz schön verantwortungslos – und er macht es sich damit einfach. Warum sucht er nicht das Gespräch mit ihr und überredet sie, sich dazu zu bekennen und dadurch auch ihr Handeln durch das Gericht richtig einschätzen zu lassen? Ich kann zwar verstehen, dass er ihr die Entscheidung überlassen will – aber er hätte ihr deutlich machen sollen, was für Auswirkungen das haben wird und vor allem, dass Scham in der Hinsicht gar nicht angebracht und völlig überflüssig ist.
Mein Fazit: Der Autor versucht den Spagat zwischen tragischer Liebesgeschichte und philosophisch angehauchtem Aufarbeitungsroman deutscher Vergangenheit. Leider gelingt beides nur mäßig, denn die Liebesgeschichte beschränkt sich auf ein sexuelles Verhältnis im ersten Drittel des Buches und die Aufarbeitung aus der “Täterperspektive” scheitert meines Erachtens daran, dass man für Hanna schwer Empathie entwickeln kann.
Warum also der Hype um dieses Buch, das zwar auf seine Weise interessant ist – aber für mich ganz sicher nicht zur Weltliteratur gehört? Ist es allein die Tatsache, dass es eine Mischung aus Sex / sexueller Phantasie eines Teenagers und dem großen Thema “Drittes Reich” darstellt? Ganz nach dem Motto der Sex sorgt für die Verkaufszahlen und der Rest ist für den intellektuellen Anspruch, um ein gewisses Niveau bescheinigt zu bekommen…
206 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag, Zürich; Auflage: 17., Aufl. (2009)
ISBN-10: 3257060653
1 Kommentar
Das ist auch genau meine Meinung zu diesem Machwerk. Mir ist das alles zu konstruiert, die Figuren leben nicht. Erst der Film hat ihnen etwas Gesicht gegeben. Hinzu kommt noch der Selbstmord Hannas, nachdem sie so lange auf ihre Entlassung hingearbeitet hat. Und dann die ewigen “Reflexionen” Michaels. Selbst denken nicht erwünscht! Das geht so weit, dass Schlink noch Hannas Lesenlernen als Weg aus der Unmündigkeit deutet mit der Anmerkung, dass es ein aufklärerischer Akt sei. Ja, Herr Schlink, wir haben verstanden: sie haben auch noch Kants Definition gelesen. Das freut vor allem die Deutschlehrer (ich bin selber einer), da können sie was zum Thema Epoche/Epochenumbruch an den Schüler bringen. Wieso wird so was in Deutschland zur Pflichtlektüre für zentrale Prüfungen gemacht? Zumal der Roman nicht einmal sprachlich Besonderes hergibt. Ein Ärgernis.