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Zum Glück blieb ich vom Medienrummel unberührt und unbeeinflusst von irgendwelchen Bestseller-Listen. Ich habe dieses Buch gekauft, ohne etwas darüber zu wissen, sondern nur, weil mir der Titel gefiel.
Mittlerweile gefällt mir noch viel mehr, aber ich hätte es vermutlich nicht gelesen, wenn ich gewusst hätte, dass es im Dritten Reich spielt. Dann hätte ich nämlich gedacht “oh nein, nicht schon wieder DAS Thema!”. Dank dem ewig schlechten Gewissen der Deutschen und der ihrer Schulpolitik hängt mir dieser Teil der Vergangenheit zum Hals raus. (Nur am Rande erwähnt: nein, ich bin nicht dafür, das alles zu vergessen – aber mir fehlt die Relation zu den Verbrechen anderer Staaten, gegenwärtiger und vergangener…. jedes Land bringt Verrückte hervor, aber mir scheint es manchmal, als wären wir Deutschen die Einzigen, denen das über Jahrzehnte hinweg vorgehalten wird – teilweise von denen, deren Machthaber keinen Deut besser sind…) Aber zurück zum Buch:
Ich habe es also völlig unvoreingenommen gelesen – und wurde recht schnell gefangen von Zusaks Sprache (ich kenne das originalsprachliche Werk nicht, aber die Übersetzung ist zumindest auch ein kleines Kunstwerk. Es ist eine bildreiche und wortgewaltige Sprache, die den Leser in ihren Bann zieht.
Am Ende des Buche ist man satt – emotional satt, angestrengt, traurig. Über 580 Seiten hat man mitgefiebert, mitgebangt, die Figuren kennen und lieben gelernt. Und auf einmal ist das Ende da. 580 Seiten sind ein gefühlets halbes Leben…. Die Menschen in diesem Buch sind einem vertraut geworden: Liesel, Rudi, Max, die Hubermanns, ja sogar der Tod… ihre Schwächen, ihre Geheimnisse. All das ist so vertraut, so nah … und rückt auf den letzten Seiten plötzlich so weit weg.
Es ist erfrischend, dass der Autor hier einen anderen Blickwinkel wählt und andere Prioritäten setzt. Es wird nicht schwarzweiß gemalt, die Bösen Deutschen, alles Nazis – nein, ganz nebenbei und doch in deutlichen Worten wird berichtet von verschiedenen Typen: den Mitläufern, denen, die sich nicht so recht entscheiden können oder die sich am liebsten heraushalten wollen… all das ist da. Und das Judentum? Es wird nicht mit dem Finger drauf gezeigt, es wird nicht die Kultur in ihren Einzelheiten beschrieben – das ist nicht wichtig. Es wird eben nicht Max, der Jude, eingeführt – sondern bloß Max, der Mensch. Nicht anders als die anderen – nur eben leider gejagt und verfolgt.
Auf den Menschen liegt der Fokus. Rudi zum Beispiel, der eigentlich die Interessen der Bücherdiebin nicht teilt und der doch ihr bester Freund ist. Da ist Rosa Hubermann, die anfangs ein wenig primitiv wirkt, ein bißchen verrückt – aber es ist hier nicht die Geschichte von dem armen Mädchen bei den bösen Pflegeeltern. Im Gegenteil, Liesel hat Glück – sie hat den besten und sanftmütigsten Vater, den sie haben kann, und eine Mutter, deren Liebe sie auch zu spüren lernt, obwohl diese eine andere Art hat, sie zu zeigen. Liesels eigener Kampf mit dem Wort und mit ihren Erlebnissen., all das ist so lebendig und so real, das man sich wie ein Beobachter fühlt, der die Ereignisse vor sich sieht. Wie der Tod, der die Geschichte erzählt – und der Liesel mehrmals getroffen hat.
Ich kann nicht umhin, mir im Nachhinein Gedanken zu machen, wie die Geschichte anders hätte ausgehen können…. was noch hätte sein können. Ist aber nicht. Das Ende der Geschichte ist gut so wie es ist – bewegend. Es ist ein Ende und zugleich ein Anfang. Und auch wenn meine Gedanken versuchen, andere Wege zu gehen – so ist dies doch das beste und wahrhaftigste Ende, das ich mir vorstellen kann. Alles andere wäre zu einfach.
Es ist ein ganz besonderes Buch – und es steckt sehr viel darin.
Es würde mich auch sehr interessieren, wie Boris Aljinovic das Hörbuch gelesen hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass seine Stimme zum erzählenden Tod passt und er die nötige Feinfühligkeit und Träumerei besitzt, die meiner Meinung nach dafür notwendig ist.
Taschenbuch: 592 Seiten
Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (7. September 2009)
ISBN: 3442373956