Iny Lorentz – Die Wanderhure

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Es ist schon einige Zeit her, dass ich den Roman das erste Mal gelesen habe, aber kürzlich habe ich ihn wieder gelesen. Häufig fällt einem beim mehrfachen Lesen ja mehr auf, als beim ersten Mal – fast so wie bei Filmen, den man mehrfach schaut.

In diesem Fall sind mir aber eher Kritikpunkte aufgefallen, weshalb ich auch einen Punkt abziehe.

Die Geschichte von Marie ist spannend zu lesen, keine Frage. Die bevorstehende Verheiratung mit einem ungeliebten Mann, die dann allerdings scheitert – was jedoch kein Grund zur Freude ist, da die Umstände um ein Vielfaches schlimmer werden für Marie. Sie verliert nahezu alles: Familie, Heimat, Selbstachtung – und aus der reichen Bürgerstochter wird eine Ausgestoßene, die fortan als Prostituierte ihr Brot verdienen muss und die nur von dem Gedanken an Rache aufrecht gehalten wird.

Und sie hat trotz ihrer neuen, grausamen Lebensumstände Glück – sie trifft nicht nur eine wirkliche Freundin, ihr gelingt letztlich auch die Rache und sie gewinnt die große Liebe. Soweit so gut. Vorhersehbar ist eigentlich nur das gute Ende – wie es dazu kommt bleibt in jedem Fall spannend.

Was mich beim wiederholten Lesen ein bißchen gestört hat, sind die häufig drastischen Schilderungen der Brutalität, der immer wieder vorkommenden Vergewaltigungen. Sicher, eine leidvolle Erfahrung, die in dem Metier sicher nicht selten war – trotzdem finde ich, dass die Autorin (bzw. das Autoren-Ehepaar) sich geradezu in den zahlreichen Beschreibungen derartiger Vorgänge  suhlt… weniger wäre da manchmal mehr gewesen, wir alle haben doch Fantasie genug, uns diese Schrecken und Grausamkeiten ausmalen zu können. Ist es da notwendig, Seite um Seite damit zu füllen?

Das ist ein Kritikpunkt. Ein weiterer ist die Glauwürdigkeit – mir erscheint es beim zweiten Lesen doch ein bißchen sehr schwarz-weiß. Da sind die sympathischen Helden – und ihnen gegenüber und weitaus in der Überzahl die durch und durch verkommenen Subjekte. Nur wenige Figuren sind etwas abwechslungsreicher gestaltet und machen eine wenn auch kleine Entwicklung durch (die Hure Gerlind zum Beispiel).

Dass Denken und Handeln der Personen eher weniger zur mittelalterlichen Kulisse passen – nungut, trotzdem ist das Buch unterhaltsam und irgendwie auch fesselnd – wodurch es bei mir eben auch eine recht gute Bewertung erhält, obwohl es weder historisch genau rechercheiert noch sonderlich anspruchsvoll ist. Das lag aber vermutlich auch nicht in der Absicht der Autoren…

Was mir beim besten Willen nicht in den Kopf will, ist die Tatsache, dass viele Iny-Lorentz-Fans diese Trilogie als ihr bestes Werk bezeichnen. Das sehe ich leider überhaupt nicht so. Da gibt es Romane, die mir bei weitem besser gefielen – sei es, weil sie eben besser recherchiert sind (z.B. “Die Löwin”), weniger sadistische Sexphantasien enthielten, sondern stattdessen etwas mehr Romantik (z.B. “Die Tatarin”) oder aufgrund von Situationskomik amüsanter sind (2.B. “Die Kastratin”, “Die Goldschmiedin”, “Die Pilgerin”). Eine persönliche Rangliste habe ich zwar nicht, aber ich bin mir recht sicher, dass “Die Wanderhure” bei mir eher im unteren Mittelfeld der Werke von Iny Lorentz rangiert.

Taschenbuch 606 Seiten
Verlag:
Droemer/Knaur (1. April 2005)
ISBN-10:
3426629348

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