Hätte ich dem ersten Drittel noch glatte fünf Sterne verpasst, muss ich sagen, dass es dann doch sehr nachgelassen hat.
Der Anfang ist witzig, da er aus vielen lustigen Wortgefechten besteht – das ist aber auch schon die einzige Ähnlichkeit mit Jane Austen (wie auf dem Klappentext erwähnt, soll es sich bei der Autorin um eine “zeitgenössische Jane Austen” handeln – definitiv NICHT!). Leider entwickelt sich der Roman dann zu einer relativ seichten, trotzdem aber gut unterhaltenden, Liebesgeschichte.
Wer trotz der recht eindimensionalen Figuren soweit gelesen hat, kann sich bei den ausgiebig und detailreich geschilderten Sex-Szenen über den Vergleich mit Jane Austen nur wundern (oder empören).
Der Roman ist wirklich witzig, solange das von Daphne Bridgerton und Simon Basset gegründete Arrangement besteht, sich zum Schein zu umwerben damit sie in den Augen anderer Bewerber attraktiver wird während er sich im Gegenzug Ruhe vor den Müttern mit heiratsgeeigneten Töchtern verspricht (warum sollte eine zum Schein bestehende Verbindung zwischen den beiden, dem einen eigentlich genau das bescheren, wovor es den anderen bewahrt?? Logisch ist das nicht, aber damit kann ich mich noch abfinden).
Als dieses Arrangement dann zum Ende kommt, kommt leider auch der Wortwitz immer häufiger zu kurz. Zwar bleibt die Geschichte flüssig und man möchte gern wissen, wie sich die noch bestehenden Verwicklungen lösen, aber der anfangs noch bestehende Anspruch ist damit dann völlig aufgegeben und es werden einfach zuviele Klischees bedient, als dass dieser Roman mehr als billiger Durchschnitt sein könnte.
Die Figuren sind zwar allesamt sympathisch (mit Ausnahme des nur im Prolog auftauchenden Vaters von Simon), aber eine Entwicklung gibt es nicht und sämtliche Spannungen resultieren aus Missverständnissen oder zurückliegenden Traumata. Schade!
Leider gibt es außerdem Konflikte zwischen der modernen Sprache und der Zeit, in der die Handlung spielen soll. Die junge Daphne ist einfach zu modern (auch wenn sie ihr Selbstbewusstsein und ihre Kenntnisse in Sachen Männer auf ihre Brüder schiebt), zu selbstsicher und überhaupt nicht so, wie, um den Vergleich noch einmal zu bemühen, beispielsweise Jane Austen ihre Charaktere beschreibt. Ob es damals schon Milch in Flaschen gab und ein Duke tatsächlich Krawatten trug, (vielleicht auch nur ungeshcickt übersetzt: Halsbinde wäre vielleicht passender; laut Wikipedia wurde die Krawatte in der heutigen Form wohl erst nach 1860 modern) wage ich auch zu bezweifeln, weiß es aber nicht genau.
Für mich sind jedenfalls Sexszenen, die einer Anleitung gleich kommen, mit der Epoche unvereinbar (auch wenn es natürlich damals Sex gab, sonst wären wir ja alle heute nicht!), da man über solche Dinge einfach nicht sprach. Andeutungen ja, aber Details sicher nicht. Aber vielleicht kollidieren die Beschreibungen, wer wann wo seine Hände (oder noch was Schlimmeres
) hat auch nur mit meinem Bild von der damaligen Zeit.
Da fällt mir ein: wenig glaubhaft erschien mir auch die “Aufklärung” der kurz vor der Hochzeit stehenden jungen Dame in Verbindung mit ihrem im Folgenden doch sehr umfangreichen Wissen, in welchen genauen Zusammenhang ihre monatliche Unpässlichkeit mit einer Schwangerschaft steht. Die Unwissenheit zu Beginn und die lückenhafte Aufklärung durch die Mutter ist einigermaßen glaubwürdig – aber dass dann anschließend so genau Bescheid gewusst wird ist für mich ein Bruch.
So gibt es also immer wieder Kleinigkeiten, die schlecht recherchiert oder einfach unpassend wirken und den Lesegenuss doch enorm beeinträchtigen.
Schade, die bissigen Dialoge und die Anlage der sympathischen Familie Bridgerton hätten mehr hergeben können! Ich bin äußerst unschlüssig, ob ich die (derzeit 7) Folgebände, die jeweils die anderen Geschwister von Daphne ins Zentrum der Handlung rücken, überhaupt lesen möchte. Einerseits ja, weil ich gern abgeschlossene Geschichten mag und es immerhin unterhalten war – andererseits nein wegen der genannten Unstimmigkeiten.
Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: MIRA Taschenbuch im CORA VERLAG; Auflage: 1 (1. Oktober 2008)
ISBN-10: 389941537X


1 Kommentar
Ich habe recherchiert – laut einer Internetquelle wurde “am 11.Januar 1878 [...] die Milch zum ersten Mal in Glasflaschen ausgeliefert.”
Also lasst die Helden doch bitte Milch aus Krügen oder Kännchen trinken.