





Ich habe dieses Buch ausgeliehen, weil ich hier und dort Gutes darüber gehört habe. Viele waren richtiggehend begeistert und da dachte ich, dass muss ich lesen. Nunja… meine Begeisterung hält sich bisher sehr in Grenzen. Zustimmen kann ich insofern, als dass das Buch Emotionen hervorruft. Allerdings glaube ich nicht, dass die bei mir evozierten Emotionen die vom Autor beabsichtigten sind: ich habe mich nämlich geärgert! Was mich an diesem Buch so dermaßen stört: die Schilderung Amerikas wirkt so selbstherrlich:
“Die Vereinigten Staaten, so deine Behauptung, waren in ihrer Existenz beispiellos. Sie besaßen einen nie dagewesenen Wohlstand, es hatte praktisch jeder genug zu essen; sie waren ein Land, das nach Gerechtigkeitstrebte und jede Unterhaltung, jeden Sport zu bieten hatte, jede Relegion, jede ethnische Zugehörigkeit, jede Beschäftigung und politische Orientierung, das einen ungeheuren Reichtum an Landschaften besaß, an Flora und Fauna und Wetter. Wenn man in diesem Land kein gutes, reiches, üppiges Leben führen konnte, mit einer schönen Frau und einem gesunden Jungen, dann war es nirgens möglich. Und ich glaube immer noch, daß du vielleicht recht hattest. Aber vielleicht ist es nirgens möglich.” (S. 61 der Gebundenen Ausgabe, 3. Auflage 2006, List Verlag).
Als ich das las hätte ich kotzen können. Achja, Amerika, tolles, herrliches, ja geradezu paradiesisches Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Und die Tatsache, dass wir mit unserem Kind nicht klar kamen (der Junge ist Amok gelaufen) lässt darauf schließen, dass man nirgendwo so gut leben könne?? Ahja!
Und seit wann hat in Amerika jeder genug zu essen? Der nie dagewesenene Wohlstand bezieht sich vielleicht auf 10% der Bevölkerung! Seit wann strebt dieses Land denn nach Gerechtigkeit? Das steht doch nur auf dem Papier – tatsächlich führen sie sich hier wie dort als Weltpolizei auf, zetteln Kriege an und zerstören alles Mögliche nur um die eigenen Interessen zu wahren. Gerechtigkeit?!?! Es geht doch immer nur um Geld! Und was Religionsfreiheit und ethnische Zugehörigkeit angeht… hab ich da was nicht mitbekommen oder sind tatsächlich neuerdings alle gleich?? Das wäre ja eine Sensation! Und der Reichtum der Landschaft, der Flora und Faune – das ist ja wohl kein Verdienst Amerikas, die sich mit aller Macht dagegen wenden und die Umwelt zerstören. Dass sie herrliche Landschaft haben liegt ja wohl auch nur an der Tatsache, dass sie sich das Land einfach genommen haben…
Und natürlich die “schöne Frau” – als ob es nur darauf ankäme. Willkommen in Hollywood!
Ich frage mich ernsthaft, wie man sowas nur schreiben kann und wie man einer Figur in diesem Buch eine solche Sicht auf Amerika geben kann! Mal abgesehen davon, dass diese Figur in diesem Buch bisher keine Rolle spielt, außer dass sie existent ist, einen Sohn gezeugt hat und Briefe empfängt…. aber das löst sich ja vielleicht noch auf.
Das ist der eine Punkt…. der zweite: Eva. die Mutter von Kevin, die hier nach der großen Tat alles Revue passieren lässt und ihrem Mann schreibt. Mal abgesehen davon, dass ich nicht kapiere, warum sie ihm diese Briefe schreibt (antwortet er eigentlich jemals??) und warum sie ihm jedes Detail berichten muss, wo er doch dabei gewesen sein müsste… man kommt nicht umhin, dies als Stilmittel wahrzunehmen, denn realistisch wirkt es auf mich nicht wirklich. Abgesehen davon also ärgere ich mich über ihre Einstellung. Ich bin mit dem Buch ja noch nicht sonderlich weit gekommen, gerade einmal 100 Seiten… aber schon nervt sie mich ganz gewaltig. Was hat diese Frau bitte für Gründe ein Kind in die Welt zu setzen?! Langeweile, auf der Suche nach einem neuen Gesprächsthema, Besitzansprüche… na super! Und kaum hat sie sich für ein Kind entschieden, ändert sie ihre Meinung und bereut den Entschluss wie ein launischer Teenager, dabei soll sie ja angeblich mitte dreißig sein. Und dann soll man das auch noch gut finden, weil sie sich selbst hinterher eingesteht, dass sie naiv war aber immerhin ehrlich. Klasse! Ich hab zwar bisher kein Kind und ich weiß auch, dass man manchmal nicht unbedingt erfreut ist, dass es Momente gibt, wo man unsicher ist, ob man richtig entschieden hat und ob man das alles schafft – klar, dazu gehört nicht viel Phantasie, aber dass jemand so dauerhaft in der (gewollten!) Schwangerschaft das Kind ablehnt – da kann ja von “gut überlegt” nicht die Rede sein… echt arm! Da sagt man sich ja schon von vornherein “Kein Wunder, dass das mit Kevin so ausgegangen ist!” – obwohl man zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte gar nicht mal genau weiß, was alles passiert ist, außer DASS es passiert ist.
Ich dachte irgendwie, dass das Buch einem nahe bringen soll, wie solche unglaublichen Taten auch in ganz “normalen” Familien passieren können – aber den Anspruch erfüllt es wohl schon mal nicht, denn die Familie ist höchstens dann als “normal” zu bezeichnen, wenn solche hochgradige Störung in Amerika als normal gilt. Weiß mans?!?
Ich weiß wirklich nicht, ob ich weiterlesen soll…. aber wo alle das Buch so gelobt haben, da muss doch eigentlich noch was “Gutes” kommen, oder?
*** 11.03.2008 ***
Inzwischen habe ich 400 Seiten hinter mir. Ich stimme zu, dass es nach den hundert Seiten besser wurde. Besser, aber nicht super. Die Frage, ob jemand von Grund auf (von Geburt an) böse sein kann, ist hier eindeutig beantwortet, so scheint es. Aber ich glaube das nicht. Ich finde die Darstellung von Kevin als “der Böse”, der schon als Kleinkind berechenbar und hinterhältig ist, nicht sonderlich realistisch. Außerdem glaube ich kaum, dass ein Kind so apathisch sein kann, ohne krank zu sein – oder dass es rein gar nichts wirklich mag. Dass man als Teenager so tut, okay, dass kann ich mir vorstellen, aber dass schon ein Kleinkind 24h am Tag keine Interessen hat?!? Nicht sonderlich realistisch. Wann immer in einer Serie (wie z.B. Akte X) jemand als dämonisch und böse dargestellt werden soll, bedient man sich dieser “Klischees des Bösen”. Welches Kind ist schon mit 3 Jahren so berechnend, dass es gezielt das zerstört, was den Eltern am meisten bedeutet? Genau deshalb glaubt der Vater das ja auch nicht – seine Naivität angesichts der geschilderten Tatsachen ist allerdings auch grenzenlos. Für mich passt hier eins nicht zum andern: entweder das Buch will realistisch sein, dann passt die Schilderung von Kevins Boshaftigkeit nicht – oder aber, ich lasse mich auf die Fiktion ein und nehme Unrealistische in Kauf, dann passt aber nicht, dass ein intelligenter Vater der Oberschicht mit solcher Naivität auf seinen Sohn blickt.
Das Bild Amerikas, dass ich oben schon angesprochen hatte… nunja, später führt Kevin zwar mit seiner Mutter dieses “Mutter-Sohn-Gespräch”, dass so völlig daneben geht. Hier zeigt sich zwar, dass Eva Amerika gegenüber eigentlich gar nicht so übermäßig positiv eingestellt ist wie Franklin, aber die Art wie sie argumentiert ist ja auch ziemlich fragwürdig. Sie spricht zwar einige Aspekte an, denen ich durchaus unter Vorbehalt zustimmen würde – allerdings nur “unter Vorbehalt”, weil sie dabei so wahnsinnig pauschal vorgeht. Im Prinzip kann man schon immer widersprechen, wenn jemand von “die Amerikaner” oder von “den Deutschen” an sich spricht. Kein Wunder also, dass Kevin dann zeigt, dass sie genau das ist, was sie an anderen kritisiert.
Was ich übrigens oben noch vergessen hatte: wie oft bitte nennt die Autorin hier den Namen dieses Reiseführers von Eva?? Sofern es diese Reihe tatsächlich gibt, kommt es bei mir fast so an, als würde die Autorin für jede Nennung des Namens Cash bekommen. Gibt es ihn nicht, dann frage ich mich ernsthaft, welchen Sinn das haben soll. Mich nervts einfach nur.
Ich würde jetzt gern etwas Positives sagen. Aber das einzige, was mir einfällt ist leider, dass der Spannungsbogen insofern ganz gelungen ist, dass mit den Details der Tat ziemlich lange gewartet wird. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich weiterlese – ich will endlich alles wissen, damit das Bild komplett ist.
Vermutlich muss ich darauf aber noch 100 Seiten warten.
*** 13.03.2008***
Ganz genau so war es – das Einzige, was mich noch interessiert hat, stand natürlich ganz am Ende. Die Einzelheiten über die Tat(en) zu lesen war immerhin spannend – auch wenn ich Vieles schon vorher aus Erzählungen anderer wusste. Die große überraschende Wendung blieb für mich also aus, war aber interessant zu lesen uns ist sicher für unvorbereitetet Leser richtig gelungen. Das ist auch der einzige Punkt, wo ich sagen würde, dass das Buch eine Art “Thriller” ist. Ansonsten eher eine teilweise recht langatmige Doku (soap?). Schade, aber ich vermute, es liegt auch an meinem “ersten Eindruck”, dass das Buch für mich so schlecht abschneidet – der ist ja bekanntlich oft entscheidend.
Ich finde das Buch nicht richtig schlecht (sonst hätte ich es nicht durchgehalten) – es ist schon interessant, aber leider war für mich der so oft gebrauchte Ausdruck “sehr realistisch” völlig fehl am Platz. Aber das kann ja auch für jeden anders sein, ist doch die Wahrnehmung dessen, was wir als Realität bezeichnen, sehr subjektiv.
Immerhin hat mich das Buch angeregt, bei Wiki (und anderswo) ein bißchen über die Thematik nachzulesen.
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten Verlag: List (Februar 2006) ISBN-10: 3471786791
7 Kommentare
Das ganze Buch über konnte ich Eva nur Unverständnis entgegenbringen. Jedem Buch gebe ich 100 Seiten, um sich zu “bewähren”. Bei “Kevin” gab es eine Zugabe von 50 Seiten. Wäre es nicht besser geworden, hätte es bei mir auch einen Abrruch gegeben. Dann war ich aber soweit, ich wollte wissen welche Rolle die anderen Familienmitglieder spielten, ob Eva ihre Ablehnung ihrem Sohn gegenüber durchhält und vorallem, wie und warum es letztlich zu der Tat kommt. Anriel, gib dem Buch noch ein paar Seiten, dann kannst du es ja imer noch Seite legen, wenns nichts war.
LG
Karthause
Ja, das werde ich tun, auch wenn heute gerade wieder ein “Neuankömmling” auf meinem SUB gelandet ist und ich eigentlich viel lieber damit anfangen würde…
Ich halte Dich auf dem Laufenden, ob das Buch bei mir doch noch einen Blumentopf gewinnen kann. Man ist ja lernfähig und kann seine Meinung notfalls auch revidieren.
Gerade erst entdeckt! Ich liebe Blogs, und vor allem, wenn sie sich um Bücher drehen. Und danke für die Verlinkung! Werde ich gleich nachholen
Liebe Grüße
Heidi
PS Komme jetzt öfters!
Vielen Dank liebe Heidi,
ich bin noch nicht so lange dabei – und ich will dem Büchertreff ja auch nicht untreu werden. Bisher handhabe ich es so, dass ich hier in meinem Blog den nicht sachlichen Teil, die Emotionen verarbeite, die sich beim Lesen so ergeben. Gerade hier bei “Kevin” wären meine Kommentare und meine Kritik viel zu polemisch, weshalb ich sie nur hier niederschreibe und nicht anderswo.
Dass ich Dich/Euch verlinke ist ja wohl logisch – wir halten schließlich zusammen. Umso seltsamer scheint es, dass wir anscheinend trotzdem alle nebenher unser eigenes Süppchen kochen. Aber das erhält die Vielfalt.
Ich komme leider gar nicht dazu, so oft bei Dir vorbeizuschauen, wie ich es eigentlich möchte – und wenn ich hinkomme, bleibe ich meist viel länger, als ich ursprünglich wollte. ^^
Bis demnächst – wir lesen uns!
Liebe Anriel,
jetzt laufe ich aber rot an. Meine Einschätzung war dann total falsch, ich dachte, ich wäre die “größte Zicke” des BT´s. Um so schöner jetzt dieses Kompliment! Mein Tag ist gerettet
In meinem Tagebuch verarbeite ich meine Lektüre auch viel privater, da traue ich mich dann auch ganz plumpe Gedanken nieder zu schreiben, oder aus der Haut zu fahren. Aus diesem Grund mag ich die Blogger!
Liebe Grüße
Heidi
hallo, ich wollte nur sagen, dass Lionel Shriver glaube ich eher den AMERICAN DREAM angesprochen hat, als dass sie die wirkliche Situation heutzutage in Amerika beleuchtet hat. Franklin ist nun mal von diesem AMERICAN DREAM überzeugt und Eva diejenige, die das kritischer sieht. Deshalb finde ich keinesfalls wie sie es tun, dass Lionel Shriver hier keine Ahnung hat. Das Buch finde ich außerdem sehr ergreifend und zum nachdenken!
Hallo Patricia,
danke für den Kommentar. Was den American Dream angeht, so stimme ich zu. Was ich oben schrieb, ist so beim ersten Lesen entstanden, als ich den weiteren Verlauf noch nicht kannte. Und da hatte ich mich eben geärgert. Mittlerweile sehe ich es auch nicht mehr so – und ich wollte auch nicht zum Ausdruck bringen, dass die Autorin keine Ahnung habe. Beim späteren Lesen (von mir oben im Text am 11.03 ergänzt) hatte ich dann auch festgestellt, dass sie eben nicht alle Figuren mit dieser Sichtweise ausgetstattet hat, sondern lediglich Franklin (ihn dafür aber sehr extrem). Ich wollte das Posting von mir nur nicht mehr ändern, weil es spontane Meinungen zum Buch ausdrücken soll – was ich später dazu gedachte habe, habe ich dann mit Datum angefügt.
Was den zweiten Kommentar angeht, so werde ich den hier nicht veröffentlichen, weil ich das Ende des Buches nicht verraten möchte. Aber überlesen habe ich das natürlich nicht – nur zu dem Zeitpunkt, als ich mich darüber wunderte, warum die Briefe nicht beantwortet werden, kannte ich ja das Ende noch nicht.